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WCAG 3.0

Auch: Silver, WCAG Silver

Die nächste Hauptversion von WCAG, derzeit im Working-Draft-Status. Ersetzt das Bestehen/Nichtbestehen-Modell der Erfolgskriterien durch ein Bewertungssystem über mehrere Richtlinien hinweg.

WCAG 3.0 (ursprünglich unter dem Codenamen „Silver“ bekannt) ist die nächste Hauptversion der Web Content Accessibility Guidelines. Die Entwicklung läuft seit 2017; aktuell liegt ein Working Draft vor — keine Empfehlung, keine Candidate Recommendation und kein Standard, der sicher in Verträgen zitiert werden kann.

Ein anderes Modell

WCAG 2.x ist binär: Jedes Erfolgskriterium wird für eine gegebene Seite entweder erfüllt oder nicht erfüllt, und „Level AA“ erfordert das Bestehen jedes Level-A- und Level-AA-Kriteriums. WCAG 3 ersetzt dieses Modell durch Outcomes, die auf einer Skala von 0 bis 4 bewertet, über mehrere Richtlinien hinweg aggregiert und zu Bronze-/Silber-/Gold-Bewertungen zusammengefasst werden. Ein einzelner Fehler disqualifiziert nicht mehr eine gesamte Website.

Dieser Paradigmenwechsel ist aus zwei Gründen bedeutsam. Erstens: Große Produkte, die nahezu jedes AA-Kriterium erfüllen, aber an einem Randfall scheitern, fallen derzeit durch „AA“ — ein binäres Ergebnis, das nicht der tatsächlichen Nutzungserfahrung entspricht. WCAG 3 würde es ermöglichen, eine hohe Punktzahl mit dokumentierten Ausnahmen zu erzielen. Zweitens berücksichtigt WCAG 3 ausdrücklich funktionale Outcomes, die sich schwer als Bestehen/Nichtbestehen-Regeln testen lassen — etwa: „Die nutzende Person kann das Gesuchte in drei oder weniger Schritten finden.“

Erweiterter Geltungsbereich

WCAG 2.x wurde primär für Webinhalte geschrieben. WCAG 3 erstreckt sich auf:

  • Native Mobile- und Desktop-Apps ohne Rückgriff auf ergänzende Task-Force-Dokumente.
  • Hardware — physische Bedienelemente, Geldautomaten, Kiosk-Systeme.
  • Neue Formate — XR, rein sprachgesteuerte Schnittstellen, IoT-Geräte.

Was das für die eigene Roadmap bedeutet

Drei Punkte sind derzeit operativ relevant:

  1. WCAG 3 nicht in Verträgen, Ausschreibungen oder VPATs zitieren, bis es als Empfehlung verabschiedet ist. Dies erzeugt Unklarheiten, weil sich die zugrunde liegende Spezifikation fortlaufend ändert.
  2. WCAG 2.x geht nirgendwo hin — mindestens 2–3 Jahre nach der Empfehlung. Das W3C hat zugesagt, WCAG 2.2 parallel zu WCAG 3 zu pflegen.
  3. Den Working Draft lesen, um zu verstehen, wohin sich das Fachgebiet entwickelt — aber jede heute erstellte WCAG-3-Bewertung als explorativen Charakter behandeln.

Voraussichtlicher Zeitplan

Die Arbeitsgruppe hat kein verbindliches Datum für eine Empfehlung genannt. Eine Candidate Recommendation im Jahr 2026 ist denkbar; der Status einer vollständigen Empfehlung ist realistischer für 2027–2028. Bis dahin bleibt WCAG 2.2 AA der operative Standard, den diese Website, dieses Glossar und nahezu alle Barrierefreiheitsgesetze tatsächlich verwenden.