Keine Tastaturfalle
Wenn der Tastaturfokus in eine Komponente gelangen kann, muss er diese auch ausschließlich über die Tastatur wieder verlassen können. Modale Dialoge, eingebettete Inhalte und benutzerdefinierte Widgets sind die häufigsten Problemstellen.
Was gefordert wird
Wenn Nutzende mit der Tabulatortaste in eine Komponente navigieren können, müssen sie diese auch wieder verlassen können — mit Tab, Shift+Tab oder einer anderen dokumentierten Taste — ohne die Maus zu verwenden. Ist zum Verlassen ein Tastenkürzel erforderlich, das über die üblichen Pfeiltasten und Tab hinausgeht — etwa Strg+M zum Beenden eines eingebetteten Videoplayers — muss die Bedienoberfläche darauf hinweisen.
Dies ist nicht dasselbe wie eine Fokuseinschränkung innerhalb eines modalen Dialogs, die durchaus erwünscht ist: Ein modaler Dialog hält den Fokus in seinem Bereich, gibt ihn aber frei, sobald der Dialog geschlossen wird. Eine Tastaturfalle entsteht, wenn kein dokumentierter Ausweg existiert.
Wie die Anforderung erfüllt wird
- In modalen Dialogen den Fokus mit Tab und Shift+Tab zwischen dem ersten und letzten fokussierbaren Element zirkulieren lassen und den Dialog beim Drücken von Escape schließen, wobei der Fokus zum auslösenden Element zurückkehrt.
- Bei eingebetteten Drittanbieterinhalten (Videoplayer, Karten, iframes unbekannter Herkunft) prüfen, ob Tab den Fokus über das eingebettete Element hinaus weiterleitet. Gelingt das nicht, ist die Tastenkombination zum Verlassen direkt neben dem Element zu dokumentieren.
- Bei benutzerdefinierten Widgets, die Pfeiltasten verarbeiten (Datumsauswähler, Comboboxen, Baumstrukturen), Tab als universelle Austrittsmöglichkeit beibehalten — Tab darf niemals blockiert werden.
- Bei Ziehgriffen oder Rich-Text-Editoren, die Tab zur Einrückung verwenden, eine dokumentierte Alternative bereitstellen (Escape zum Loslassen, Strg+M zum Verlassen des Bearbeitungsmodus) und diese in der Benutzeroberfläche sichtbar machen.
Häufige Fehler
- Modale Dialoge, die den Fokus einschließen, sich aber nicht über Escape schließen lassen und keinen fokussierbaren Schließen-Schalter bereitstellen.
- Eingebettete PDF-Viewer, Flash-Relikte sowie manche Tableau- und Power-BI-Dashboards, die Tab dauerhaft schlucken.
- Rich-Text-Editoren (TinyMCE, CKEditor in älteren Versionen), die Tab zur Einrückung abfangen und den Fokus nie freigeben.
- Benutzerdefinierte Comboboxen, bei denen Pfeiltasten durch Optionen navigieren, Tab aber wirkungslos bleibt — der Fokus bleibt auf dem Eingabefeld stecken.
- Cookie-Banner mit Fokusverwaltung, die in einer Schleife laufen, ohne je den Fokus auf Akzeptieren oder Ablehnen zu setzen.
Automatisierte Tools erkennen dieses Problem kaum — axe und Lighthouse können nur verdächtige Muster markieren. Manuelles Tastatur-Testing ist die einzige zuverlässige Prüfmethode.
Warum es darauf ankommt
Eine Tastaturfalle gehört zu den schwerwiegendsten Barrierefreiheitsfehlern: Nutzende können den betroffenen Seitenbereich buchstäblich nicht verlassen. Blinde Nutzende müssen unter Umständen die Seite neu laden und verlieren dabei die Sitzung sowie eingegebene Formulardaten. Für viele Menschen ist dies der Moment, an dem sie die Website endgültig aufgeben. Von allen WCAG-Erfolgskriterien ist dieses am ehesten geeignet, eine Seite rechtlich angreifbar zu machen — Gerichte und Aufsichtsbehörden behandeln das Einschließen von Nutzenden als eindeutige Barriere.